Saeid Mollaei, Weltmeister 2018, einer der
Besten seiner Gewichtsklasse. Bei der WM in Tokyo wollte der Iraner seinen
Titel verteidigen, sich für die Olympischen Spiele im kommenden Jahr qualifizieren. Und scheiterte im Halbfinale, weil er es musste. Ein Befehl erteilt vom Präsidenten des iranischen
Olympischen Komitees. Per Telefon direkt direkt aus Teheran. Herr Salehi Amiri hat mir gesagt: “Bring es
zu Ende. Aber organisier es so, dass es keiner merkt.” Im Finale hätte der Israeli Sagi Muki gewartet. Ein Duell zwischen Iran und Israel. Für den iranischen Verbandchef keine Option. Bereits ab dem Achtelfinale wurde Mollaei
befohlen, er solle absichtlich verlieren. Für seinen Traum von Olympia kämpfte er
weiter. Im Halbfinale gab er dem Druck schließlich
nach und verlor. Ich bin weinend auf die Matte gegangen. Ich wollte einfach nur, dass die Sache vorbei
ist. Denn ich wusste genau, was mich erwartet. Ich habe diesem Befehl gehorcht, gemacht,
was sie mir am Telefon gesagt haben. Aber wenn ich das nicht gemacht hätte, dann
hätten meine Familie und ich große Probleme bekommen. Diese Angst und dieser Stress, klar, man soll
im Leben mutig sein, aber in diesem Moment gingen mir tausend Sachen durch den Kopf. Was passiert mit mir? Was passiert mit meiner Familie? Deshalb habe ich auf diesen Befehl gehorcht
und den Kampf verloren. Damit war Tokio für mich gelaufen. Statt in den Iran zurück zu kehren, ging
Mollaei nach Deutschland. Hier kämpft er auch in der Judo-Bundesliga,
besitzt deshalb ein zweijähriges Sportvisum. Eine Rückkehr in den Iran. für ihn aktuell
nicht vorstellbar. Wenn jemand etwas politisches macht, dann
ist klar, welche Folgen das hat. Wenn ein Sportler das macht, dann wird er
zum Sportministerium in die Sittenabteilung gerufen. Er wird richtig verhört. Es kann erheblich Folgen für ihn haben. Er kann gesperrt werden und zu den Turnieren
nicht mehr mitgenommen werden. Und tausend andere Sachen. Mir ist das noch nicht passiert. Aber wenn ich andere Sportler sehe, wo sind
sie denn jetzt? Deshalb habe ich nicht vor, zurück zu gehen,
denn ich habe keine Sicherheit. Im Iran muss sich der Sport der Politik fügen. Insbesondere wenn es um Israel geht. Was das Politische angeht, hat Iran alle diplomatischen
Beziehungen zu Israel abgebrochen. Das war nach der islamischen Revolution 1979. Seitdem gilt das Prinzip, dass der Iran Israel
nicht als Staat anerkennt. Und seitdem ist das Prinzip der iranischen
Regierung und auch des iranischen Sportsystems, nicht gegen israelische Sportler anzutreten. Egal, in welcher Sportart. Es ist ein Befehl von ganz oben. Wenn man sich anschaut, wie der Iran funktioniert,
sieht man, dass es eine religiöse Staatsform ist. Das Staatsoberhaupt ist gleichzeitig der höchste
Schiitische Führer im Land. Obwohl es kein Gesetz im Sinne der Verfassung
ist, handelt es sich um eine Order von ganz oben. Der islamische Verhaltenskodex entscheidet
über Sieg und Niederlage. Über die Zukunft iranischer Sportler. Beispiele dafür gibt es auch in der Vergangenheit. Wie den Judoka Arasch Miresmaeili, Flaggenträger
bei den olympischen Spielen 2004. Ihm wurde in der ersten Runde ein Israeli
zugelost. Miresmaeili überschritt beim offiziellen
Wiegen das Gewichtslimit und wurde disqualifiziert. Mittlerweile ist er Präsident des iranischen
Judoverbandes. Oder der deutsch-iranische Fußballer Ashkan
Dejagah. 2007 weigerte er sich mit der deutschen U21 in Tel Aviv gegen Israel zu spielen. Seit 2012 läuft er für die iranische Nationalmannschaft
auf. Saeid Mollaei dennoch ein Sonderfall. Jetzt haben wir einen Fall von Mollaei, der
Weltmeister in der Gewichtsklasse unter 81kg. Das Problem mit dieser Kategorie ist, dass
der Weltranglistenerste aus dem Iran und der Weltranglistenzweite Sagi Muki aus Israel
kommt. Wenn du so starke Athleten in der gleichen
Gewichtsklasse hast, ist es unvermeidbar, dass sie bei Wettbewerben aufeinander treffen. Sei es bei Grand Slams, einem Grand Prix,
Weltmeisterschaften oder bei den Olympischen Spielen. Es kann immer wieder passieren. In Tokio hat der Kämpfer Mollaei dem Druck
nachgegeben. Und das nicht zum ersten Mal. Beim Grand Slam 2018 in Abu Dhabi musste er
eine Beinverletzung vortäuschen, was er später in einem Interview zugibt. Von nun an, will er aber nicht mehr von der
Politik seines Heimatlandes instrumentalisiert werden. Ich will der Welt beweisen, dass es im Leben
wichtig ist, Menschlichkeit zu zeigen. Und das es wichtig ist, mutig zu sein. Für mich ist es egal, aus welchem Land Sagi
Muki kommt. Wichtig ist nur, dass er ein guter Mensch
ist. Wir sind Freunde, er hat als Weltmeister die
Goldmedaille bekommen, ich habe mich für ihn gefreut und ihm gratuliert. Ich hoffe einfach, dass wir uns eines Tages
die Hände reichen und Freunde sein können. Uns wie alle anderen Sportler gegenseitig
Erfolg wünschen und uns nur auf der Matte bekämpfen. Eine Hoffnung, die eigentlich keine sein müsste. Zumindest aus sportpolitischer Sicht, denn
das Vorgehen Irans stellt einen klaren Verstoß gegen die Olympische Charta und die Statuten
des Weltverbandes dar. Dort festgehalten ist die Ablehnung aller
Formen der Diskriminierung, unabhängig von der Begründung, insbesondere in Bezug auf
Religion, politische oder andere Meinungen, nationale oder soziale Herkunft. Mittlerweile hat der Weltverband reagiert
und den iranischen Judo-Verband auf unbestimmte Zeit gesperrt. Eine Disziplinarkommission soll den Fall nun
verhandeln. Trotz verpasster Olympiaqualifikation, Mollaei
hofft weiterhin auf eine Teilnahme an den Spielen 2020. Ich warte nur auf die Entscheidung des IOC,
ob ich zu den Olympischen Spielen gehen kann. Entweder für ein Land oder unter der Flagge
des Weltverbandes. Meine Aufgabe ist es zu trainieren, jeden
Tag, sodass ich weiterhin in Form bleibe, um bei den Olympischen Spielen bestehen zu
können. Ich denke nur daran, dass ich es schaffen
werde, zu Olympia zu gehen und mich dort zu beweisen. Und vielleicht kann er da im Finale gegen
Sagi Muki jubeln.